Durch ihre Lebensweise waren meine Vorfahren immer von Teppichen umgeben. Die Teppiche begleiteten von Geburt an bis zum Tod. Sie bedeuteten Wärme, Schönheit und Schutz.
So habe ich die Teppiche als Gestalten meiner Ahnen wahrgenommen. Jeder Teppich ist ein geschlossener Kreis, mit dem Wesen eines Vorfahrer, seiner Besonderheit, dem Unbekanntem, das man trotzdem weiss.
Ich bin kein Medium, welches eine Verbindung mit den Seelen von Verstorbenen herstellt.
Ich schaue in mich hinein und suche nach den Spuren meiner Ahnen, nach dem, was in mir weiterlebt. Die Wolle ist ein Material, dem man sehr gut zuhören kann. In dem Zuhören und dem Gespräch war das Benutzen von chemischen Farben unmöglich. Deshalb habe ich die Wolle für diese Teppiche mit Pflanzenfarben gefärbt.
Die Filzteppiche sind in der Ala-Kiyiz-Technik gemacht. Da werden die Muster direkt in die Filzunterlage eingewalkt und nicht zusammengenäht. Während des Walkens fangen die Muster an zu tanzen, die Konturen verschieben sich und die Umrisse werden nicht so klar, wie in der Shirdak-Technik, in der die Muster zusammengenäht werden.
Bei Ala-Kiyiz lässt der Künstler der Wolle eine gewisse Freiheit. Eine Interaktion, in der der Künstler das Ergebnis nicht komplett kontrollieren kann. Das wurde früher als ein Nachteil angesehen und deshalb hatten Ala-Kiyiz-Teppiche einen kleineren Wert. Diese Besonderheit hat mich interessiert.
Saima, Suleikha, Khalit, Schamseruy, Minglegul, Schikhabutdin….
Ich mag es, die Namen im Stammbaum zu betrachten. Und Namen, die nicht aufgeschrieben sind. Die Wolle ist wie eine Brücke, die mich mit meinen Ahnen verbindet und ihre Wärme zu mir leitet.




Der Beschützer
Der Beschützer

Khalit-babai war unser Beschützer. Die rote Armee. Er stand an dem Bruch der Welt und hatte den Einblick in den tiefen Abgrund.
Er kochte gerne für uns - Enkelkinder und zum Nachtisch gab es frische mit Honig bestrichene Gurken.
Er hatte viele Bienenhäuser und man sagte im Dorf, dass man seine Bienen an den Beinen erkannt hat – sie waren genauso krumm, wie von meinem Opa.
Wenn wir während der Heuerntezeit nach dem langen Tag im Wald mit dem Pferd nach Hause fuhren, saß ich hinter seinem großen Rücken und hörte seinem Singen zu.

Der Beschützer. 9 Ahnen. Filz, 250 x 138 cm, 2019
Minglegöl
Minglegöl. 9 Ahnen. Filz, 215 x 132 cm, 2019

Schamseruy

Wenn Schamseruy durch Straßen ging, drehten sich alle um.

Schamseruy. 9 Ahnen. Filz, 222 x 136 cm, 2019
Suleikha

9.11.19
Heute habe ich mit dem Walken des Teppichs angefangen. Die dicke leichte Wollewolke wird durch das Nassmachen zu einem schweren Schneeberg.
Beim Auslegen habe ich der Wolle zugehört, ihren 11 Tönen von Weiss, die ich im Teppich auslegte. Beim Walken fängt unser Gespräch an, erstmal ganz vorsichtig.

11.11.19
Nach dem 2 Tage langem Walken sehe ich einen Wintertag. Die Sonne scheint und verschwindet hinter dem durchsichtigen Schneewind, der leicht am Gesicht stachelt. Im weichem frischen Schnee sind die Spuren von den Rädern, Gänsen und Hasen. Suleikha geht schnell und leicht, ihre Filz stiefel hinterlassen kaum Spuren. Man sieht ihre weiße Atemwolke, und der Kopf wird nach langem Laufen mit der Pelzmütze ein wenig verschwitzt.
An den Rändern vom Teppich sind kleine Spiegel. Wenn darauf die Sonne fällt, bilden sich kleine Sonnenreflexe - Sonnenhäschen (so nennt man sie in Russland) - so schickt sie uns ihr Licht.

Suleikha. 9 Ahnen. Filz, 217 x 148 cm, 2019
Schikhabutdin

Vor der Jagd redete Schikhabutdin sehr wenig.

Schikhabutdin. 9 Ahnen. Filz, 230 x 124 cm, 2019
Saimas Morgen

Meine Großmutter Saima wachte sehr früh auf und brachte den Rad des Tages in Bewegung. Vier Kinder und ein großer Haushalt mit vielen Tieren. Sie war eine Biologie- und Chemielehrerin. Trotz viel Arbeit auf ihren zarten Schultern, war sie eine feine, weise Frau und behielt die behielt die Leichtigkeit.

Saimas Morgen. 9 Ahnen. Filz, 230 x 160 cm, 2019